Frank-Walter Steinmeier: Eine brutale Rede

Plötzlich ist da der Krieg

Es sind alles andere als leichte Monate gewesen, auch für den Bundespräsidenten nicht, selbst wenn der bestimmt kein Mitleid braucht im Schloss Bellevue. Kurz nachdem Steinmeiers zweite Amtszeit im Frühjahr gestartet war, griff Wladimir Putin die Ukraine an. Plötzlich war Krieg in Europa, dabei hatte der Bundespräsident doch ganz andere Pläne.Raus ins Land wollte er, mit den Menschen diskutieren, ihre Probleme verstehen. Er fuhr nach Quedlinburg, nach Rottweil, nach Neustrelitz und nach Altenburg, was sicher lobenswert und wichtig ist.Frank-Walter Steinmeier: Wie ein Pfarrer, der zu seiner Gemeinde spricht – nur brutaler. (Quelle: Michael Kappeler/dpa/dpa-bilder)Und doch konnte man sich von Städtetrip zu Städtetrip etwas ratloser fragen, warum Steinmeier es eigentlich nicht wirklich schafft, den Deutschen in Zeiten der Krisen irgendetwas zu sagen, das ihnen allen in Erinnerung bleibt – und eben nicht nur den Quedlinburgern. Dafür gibt es wahrscheinlich Gründe. Und Steinmeiers blinder Fleck, von dem später noch die Rede sein wird, spielt wohl eine wichtige Rolle dabei. Doch die gute Nachricht ist erst einmal: Die gefühlte Sprachlosigkeit hat der Bundespräsident mit dieser Rede überwunden.

Eine Zerreißprobe

Nur, was könnte von diesem Freitag in Erinnerung bleiben? Vielleicht das: Der Bundespräsident fordert sein Volk. Er ist ehrlich mit ihm, beschreibt dessen gewaltige Probleme ungeschönt – und verlangt ihm etwas ab. Ziemlich viel sogar. Steinmeier wiederholt seine Deutung des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine als “Epochenbruch”. Viel größer wird es nicht mehr, und entsprechend groß sind die Konsequenzen. “Die neue Zeit fordert uns heraus wie lange nicht mehr”, sagt er.Steinmeier spricht von der “tiefsten Krise” des wiedervereinigten Deutschland, von einem “Scheidepunkt”, an dem es nun stehe und von einer “Zerreißprobe, die uns keiner abnimmt und für die es keinen einfachen Ausweg gibt”. Der Bundespräsident gesteht sogar seine eigene Ohnmacht ein. “Politik kann keine Wunder vollbringen”, sagt er. Niemand könne alle Sorgen nehmen. “Im Gegenteil: Ich glaube, dass viele der Sorgen berechtigt sind.”

Angenehmer wird es erst mal nicht mehr

Das ist bemerkenswert schonungslos und ziemlich düster. Und es wird nicht angenehmer. Klar, irgendwann am Ende, kurz bevor er seine Arme ausbreitet, sagt der Bundespräsident natürlich, dass Deutschland die Kraft habe, diese Krisen zu überwinden.Aber, und das ist sein Hauptpunkt: Nur, wenn gewissermaßen mal wieder in die Hände gespuckt wird. “Diese neue Zeit, sie fordert jeden Einzelnen”, sagt er und meint damit die jetzige “Epoche im Gegenwind”, die auf die vergangene “Epoche mit Rückenwind” gefolgt sei. Und dieser Einzelne, der hat jetzt eben viel zu tun, wenn es nach Steinmeier geht. Die Politik könne man nun nicht mehr den anderen überlassen, findet er. Und: “Wir müssen in den nächsten Jahren Einschränkungen hinnehmen.” Die Energiekrise lässt grüßen.

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