“Alle wollen irgendwie raus aus Russland”


Wladimir Osetschkin holt Überläufer aus Russland in den Westen. Darunter sind Generäle und hohe Beamte mit intimen Kenntnissen über Putins Machtapparat.Auf den Abschusslisten russischer Geheimdienste dürfte der Name Wladimir Osetschkin weit oben stehen. Schon 2015 floh der russische Journalist und Menschenrechtler nach Frankreich, wo er und seine Familie im September nur knapp einem Anschlagsversuch entgingen. Doch einschüchtern lässt sich Osetschkin davon nicht. Seit dem Überfall auf die Ukraine ist er zu einem Vorbild und einer wichtigen Anlaufstation für Russen geworden, die dem Putin-Regime den Rücken kehren wollen. Inzwischen würden sich täglich Landsleute bei ihm melden und um Fluchthilfe bitten, berichtet Osetschkin dem US-Sender CNN. Meistens seien es einfache Soldaten oder Söldner wie Andrei Medwedew, dem Osetschkin kürzlich half, vor der gefürchteten Wagner-Truppe nach Norwegen zu fliehen. Unter den Hilfesuchenden seien aber auch immer wieder “dickere Fische” wie ein früherer Minister und ein Drei-Sterne-General, so Osetschkin. Bestätigen konnte CNN die Identitäten eines Agenten des Geheimdienstes FSB und mehrerer Wagner-Söldner, denen Osetschkin zur Flucht verhalfen haben soll.

“Die Korrespondenzen habe ich mitgenommen”

Wenn hochrangige Akteure des Regimes zum Westen überlaufen wollen, dürften sie aber nicht mit leeren Händen kommen, so Osetschkin. Hilfe seines Netzwerkes “Gulagu.net” gebe es in solchen Fällen nur im Tausch gegen Informationen über Moskaus innere Zirkel. “Wer weit oben in der Hierarchie steht, weiß sehr genau, wie das Putin-Regime funktioniert”, sagt Osetschkin. Für seine eigene Organisation seien solche Informationen nicht immer interessant, durchaus aber für die westlichen Geheimdienste, mit deren Vertretern er sich regelmäßig treffe.CNN sprach mit mehreren Personen, denen Osetschkin zuletzt zur Flucht verholfen haben soll, darunter der FSB-Kommandeur Emran Nawrusbekow. Seine Aufgabe sei gewesen, in Westeuropa Freiwillige zu identifizieren, die auf Seiten der Ukraine in den Krieg ziehen wollten – “Terroristen” aus Sicht des Kreml. “Die Korrespondenzen mit den FSB-Bossen habe ich mitgenommen”, erzählt Nawrusbekow. Maria Dmitriewa berichtet, sie habe einen Monat lang als Ärztin für den Geheimdienst gearbeitet, dem auch Kreml-Chef Putin entstammt.

“Dafür braucht man einen guten Grund”

In einem Fall habe sie die heimliche Afrika-Reise eines Agenten des russischen Militärgeheimdienstes GRU aufdecken können, der an Malaria erkrankt von seiner Mission zurückkehrte. Zudem habe sie heimlich Unterhaltungen zwischen Patienten aufgenommen, die sich beispielsweise über das Chaos in der russischen Armee unterhielten. Nun hofft Dmitriewa, dass ihre Informationen ausreichen, um den von den französischen Behörden eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung zu erhalten. Darauf spekuliert auch ein russischer General, der nach Angaben Osetschkins Geheimunterlagen wie Baupläne militärischer Anlagen bei sich hatte. Der Wert solcher Informationen sei nicht immer gleich erkennbar, erklärt der französische General und Nato-Kommandeur Michel Yakovleff, dem CNN verschiedene von den Überläufern gelieferte Dokumente vorlegte. “Das alles sind Informations-Happen, die für sich genommen vielleicht nur mäßig interessant sind”, so Yakovleff. “Diese Informations-Happen setzen sich aber zu einem größeren Bild zusammen. Und an diesem Gesamtbild sind die Geheimdienste interessiert.” Die wichtigste Frage, die ein Geheimdienst einem Überläufer stellen müsse, sei die nach dem Motiv, sagt Yakovleff. “Dafür braucht man einen guten Grund. Die plötzliche Erkenntnis, dass Demokratie besser sei als Tyrannei, das zieht nicht.”

“Im FSB kämpft jeder für sich selbst”

Für ihn und viele seiner Kollegen sei die Aussichtslosigkeit des Ukraine-Überfalls der Grund für die Flucht, berichtet der übergelaufene FSB-Agent Nawrusbekow. “Im FSB kämpft inzwischen jeder für sich selbst, alle wollen irgendwie raus aus Russland und jeder zweite FSB-Offizier will weglaufen. Sie wissen längst, dass Russland diesen Krieg nie gewinnen wird und wollen sich in Sicherheit bringen.” Die geflüchtete FSB-Ärztin Dmitriewa beruft sich auf ihr Gewissen: “Putin und alle, die für diesen Krieg sind, sind Mörder.” Sie sagt, sie möchte ein Vorbild sein für möglichst viele ihrer Landsleute. Dmitriewa hat in Moskau nicht nur ihre Familie zurückgelassen, sondern ein Leben voller Privilegien, inklusive eines Luxusautos mit staatlichem Kennzeichen. Trotzdem müssen Wladimir Osetschkin und seine Mitstreiter immer wachsam sein und jeden Hilfesuchenden genau überprüfen. Zu groß ist die Gefahr, von Agenten des Kreml unterwandert zu werden. Einmal habe es ein falscher Überläufer schon geschafft, seine Organisation bloßzustellen – ein Vertrauensverlust, der es echten Insidern schwerer macht, sich an ihn zu wenden, sagt Osetschkin. In der Regel seien die Motive der Hilfesuchenden aber echt: “Putin hat eine Menge Feinde im System, die 20 Jahre wegen des Geldes und der guten Aussichten für ihn gearbeitet haben. Jetzt hat Putin ihnen diese Aussichten kaputt gemacht.”

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